Deepdogs -

für ein tieferes Verständnis



2019-07-14

Romy- Ein Einblick in mein Training

Vor Kurzem hatte ich die Ehre eine kleine, aber sehr eindrucksvolle Hündin namens Romy kennenlernen zu dürfen. Romy lebt seit ca. einem halben Jahr in einer Pflegestelle von der NiNo Hundehilfe e.V. Ihr Pflegefrauchen hatte mich um Unterstützung gebeten, da diese aus Romys Verhalten nicht so recht schlau werden wollte und es im engeren Zusammenleben immer mal wieder zu aggressiven Übergriffen von Seiten des Hundes auf den Menschen kam. Meine Leidenschaft gilt ja insbesondere den Tierschutzhunden und vor allem denen, die durch eine gewisse Aggressionsbereitschaft bereits auffällig geworden sind.
 
Zu Anfang der Stunde begrüßte mich dann auch direkt eine dynamische kleine Hündin. Zwei Hundepfoten berührten meine Beine und ungefragt drang dieser kleine Hundekörper in meinen Raum ein. Die kleine Romy hat wirklich ein bezauberndes Äußeres und die knapp sechs Kilogramme Lebensenergie, die an mir hoch hüpfen, tun mir auch nicht wirklich weh, was vermutlich der Anfang des Dilemmas für Romy bedeuten dürfte. Die meisten Menschen würden dieses Verhalten wohl als Lebensfreude werten. Schneller als man denken kann, weicht der Otto Normalverbraucher zur Seite und ebenso schnell berühren die Hände des Menschen den Hundekörper. Typisch Mensch sind wir entzückt und wollen unserer Begeisterung mit Körperlichkeit kompensieren. Um unser Bedürfnis zu befriedigen geben wir nur zu gerne dem Reiz der Berührung nach.
 
So, was heißt das nun für den Hund? Was für den Menschen? Aufmerksamen Lesern ist aufgefallen, dass ich Romys Begrüßung mit „…drang dieser kleine Hundekörper in meinen Raum ein…“ beschrieb. Und das ist eine der Kernessenzen im Zusammenleben mit unseren Hunden und in diesem Fall insbesondere bei Romy. Unsere Hunde leben in einem räumlichen Denken. Wer verwaltet den Raum? Wer begrenzt wen innerhalb dieses Raumes? Und wer weicht vor wem? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen aus Hundesicht wer Entscheidungsträger ist und damit auch Führungskompetenzen besitzt. Das heißt im Umkehrschluss, dass Mensch die Kompetenz und vor allem das Bewusstsein haben muss, sich diesbezüglich zurück zu nehmen und dem Hund ein Bild von einem souveränen Halter zu vermitteln.
 
Zurück zur Trainingsstunde. Genauso schnell wie sich Romy meinen Raum genommen hat, hüpft sie aus diesem auch wieder raus um sämtliche Außenreize abzuchecken. Radfahrer, Jogger, andere Hunde… Während ihre Körperhaltung beim Raum nehmen sehr imponierend ist (Rute weit oben, Ohren aufgerichtet, Körper angespannt), so zeigt sie im Zusammenhang mit der Aufnahme zu den Außenreizen  körpersprachlich gesehen ein defensives Verhalten. Es wird gebellt und gleichzeitig rückwärtsgegangen. Die Rute ist unten, die Ohren sind zurück, der Körper ist geduckt. Mit Freude stelle ich fest, dass stellenweise zu sehen ist, dass Romy Schutz hinter ihrem Pflegfrauchen sucht. Es ist eine Bindung vorhanden und das Vertrauen in den Menschen ist noch nicht restlos zerstört. Insgesamt sind alle Bewegungen, die Romy macht schnell. An ein zur Ruhe kommen ist nicht zu denken.
Ich höre mir an, was die Dame aus der Pflegestelle zu berichten hat. Immer Romy im Augenwinkel beobachten. Auch die vorläufige Halterin berichtet mir, dass Romy zu gerne auf dem Schoß sitzt. Die Verhältnisse in Romys Ursprungsfamilie wurden mir als eher chaotisch beschrieben und dort wurde Romy wohl mit „Liebe“ überschüttet. Spätestens jetzt klingeln bei mir sämtliche Alarmglocken, denn so wird für mich aus dem Ganzen ein Schuh. Denn diese körperliche Nähe, die von uns Menschen gerne als Liebe bezeichnet wird, wird von dem Hund doch häufig nicht als solche empfunden. Romy zeigt typische Verhaltensweisen für ein klassisches Nähe-Distanz-Thema in Bezug auf Menschen.
 
Was meine ich damit? Zum einen geht es darum, dass Hunde, die viel Beachtung bekommen, angefasst und angeschaut werden, den Eindruck vermittelt bekommen unheimlich wichtig für die Gruppe zu sein und wie schon bereits weiter oben beschrieben, dadurch unbewusst in die Rolle des Entscheidungsträgers gebracht werden. Vergleichen wir das Mensch-Hund-Gefüge mal mit einer Menschengruppe, z.B. auf der Arbeit: Wer wird da wohl häufig angeschaut und höflich beachtet, wenn er den Raum betritt? Richtig, der Chef. In Stresssituationen wendet man sich an diesen, fragt dort nach Hilfe und bekommt diese im Best fall dann auch. Dieses Phänomen lässt sich auch eins zu eins auf unsere Beziehung zu Hunden übertragen. D.h. das Hunde , die viel Beachtung bekommen, automatisch in eine Führungsrolle oder zumindest Entscheidungsträgerrolle gedrängt werden, ob sie nun wollen oder nicht bzw. ob sie es nun können oder nicht. Die kleine Romy in unserem Fall kann es leider nicht. Hat sie doch früher nie einen Menschen gehabt, der ihr mal die Welt und unsere menschliche Gesellschaft erklärt hätte.
Zum anderen muss aber auch das Schmusen des Hundes aus menschlicher Sicht hinter fragt werden. Nur zu gerne behaupten wir Menschen, dass der Hund ja gestreichelt werden möchte. Nur ist das wirklich so? Wie verhält sich der Hund, wenn er berührt wird. Es geht nicht darum nur den vermeintlich offensichtlichen Nasenstubser zu bewerten, sondern den Gesamt-Kontext zu bewerten wie der Hund sich auf die menschliche Annäherung verhält. Dreht der Hund sich weg? Schleckt oder schmatzt er vielleicht? Zeigt er Beschwichtigungssignale? Wie ist die Körperspannung, die Mimik, Ohren und Rutenstellung? Mit all diesen Gesten teilt der Hund uns mit wie es ihm gerade geht. Doch wir Menschen, typisch Affe, sind häufig viel zu sehr damit beschäftigt uns in unsere Knuddel-Euphorie zu verlieren. Mal inne halten und sich zu fragen, möchte mein Hund gerade überhaupt angefasst werden und dann noch dem Hund zuzuhören, in dem wir seine Körpersprache beobachten und verstehen, ist ein sehr wichtiger Schritt, bevor ich anfange von meinem Vierbeiner gewisses Verhalten einzufordern oder zu verbieten.
 
Um mich meiner selbst bewusst zu sein und Romy zu helfen zur Ruhe zu kommen, bediene ich mich der Elemente aus dem Führungsbereich des Leitwolf Trainings. D.h. ich gehe in die nonverbale Kommunikation mit Romy. Ich freue mich zu sehen, dass Romy diese Ansprache gut annimmt. Es ist nur sehr wenig Präsenz von mir notwendig um Romy zu erreichen, körperliche Korrekturen sind gar nicht notwendig. Jedoch ist eine ruhige und geduldige Ausstrahlung meinerseits unerlässlich um Romy in eine ebenso ruhige Energie zu führen. Ich erkläre der Halterin, woran sie erkennt, wann Romy verstanden hat und wie wichtig der Druckabbau im entscheidenden Moment ist. Romy entspannt zusehends, wenngleich sie natürlich noch irritiert ist, dass ein Mensch auf einmal so zu ihr spricht.
Die Pflegestellendame begreift worin der Konflikt für Romy liegt, dennoch steht sie vor einer Herausforderung diesen Umgang dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren. Derzeit lebt Romy in der Pflegestelle mit fünf weiteren Podencos und Katzen zusammen. Die Dame ist eine vielbeschäftigte Frau und es fällt schwer dem Hund, die nötige Konsequenz im Bezug auf Raumkontrolle zuteilwerden zu lassen. Trotzdem, der erste Schritt in die richtige Richtung ist gemacht, denn grundsätzlich gilt immer: „Erst mal verstehen, bevor ich verstanden werden will.“(Zitat Mirko Tomasini/Leitwolf Training) Und vielleicht findet sich ja schon bald das richtige „Für-immer-Zuhause“, wo Romy Ruhe lernen darf und achtsam und respektvoll behandelt wird, damit sie ein eben solcher Hund sein kann!
 
Zu guter Letzt möchte ich hier nochmal den oben bereits erwähnten Verein nennen, der sich für Romy und viele weitere Hunde einsetzt.
Die Hundenothilfe NiNo e.V. Dieser Verein hat sich explizit gegründet um Hunden eine 2.Chance zu geben, die von den „normalen“ Tierheimen meist abgewiesen werden, da der Aufwand um Pflege, Betreuung und Weitervermittlung dieser Hunde für die Tierheime oft nicht möglich ist. Leider muss ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es hunderte, wenn nicht gar tausende Hunde deutschlandweit sind, die tagtäglich abgewiesen werden und dann auf kurz oder lang häufig ihre Endstation beim Tierarzt finden. Umso mehr freut es mich, wenn sich Tierschutzvereine finden, die sich genau für diese Hunde stark machen ohne dabei den Verstand auszusetzen. Denn so nötig wie es ist, im Tierschutz eine Menge Herzblut mit rein zu geben, so ist ein verstand loses „retten“ von Hunden um jeden Preis weder dem Hund noch dem Tierschutz dienlich. Bei diesem Verein, insbesondere bei dieser Pflegestelle habe ich den Eindruck bekommen, dass Beides vorhanden ist. Herz und Verstand! Und damit ein realistischer und auch sachlicher Blick auf die Dinge.
 
Möchten Sie sich weiter entwickeln, wachsen, langsamer werden und verstehen lernen, was echte Beziehung ausmacht, so gehen Sie auf den unten stehenden Link und nehmen Kontakt zu Romys Pflegefamilie auf. Ich garantiere Ihnen, dass es viel zu gewinnen gibt, wenn Sie bereit sind, Ihre eigenen Erwartungen zurück zu stellen, sich ehrlich zu reflektieren und auch unbequeme Wege zu gehen.
 
https://www.hundehilfe-nino.de/unsere-sch%C3%BCtzlinge/zuhause-gesucht/romy/

 
Bei weiteren Fragen zu Romy dürfen Sie sich aber auch gerne direkt an mich wenden. Ist es Ihnen zurzeit nicht möglich, Romy oder einem anderem Vierbeiner bei sich aufzunehmen, so unterstützen Sie doch gerne die NiNo Hundehilfe mit einer Spende!
 
IBAN: DE95 4035 1060 0073 6867 19

Admin - 10:51:04 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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